TX001 · Fußnote 20 · Routeneintrag 13 von 26
Elfriede Scholz
Elfriede Scholz wurde für alltägliche Worte denunziert und ermordet – auch als unerreichbare Schwester Erich Maria Remarques.
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Derzeit auf Englisch · 2:36
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Worte, die die Route trägt
Deutsche Textfassung
Wenn Sie das hören, haben Sie die Straße überquert und stehen mit dem Blumenladen auf der rechten Seite.
Erinnert ihr euch an den Roman „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque? Die Nazis waren keine großen Fans davon. Wir gehen nun zur Suarezstraße 31. Hier lebte in den 1920er Jahren Remarques Schwester, Elfriede Scholz. Erich floh nach Amerika, Elfriede blieb. Sie war Schneiderin, eine Kleidermacherin mit eigenem Geschäft. Sie sagte offen, was sie über Hitler dachte. Und in jenen Jahren konnte das bereits ausreichen.
Elfriede war keine Politikerin. Sie gehörte keiner Widerstandszelle mit Decknamen und Funkgeräten an. Sie war eine berufstätige Frau. Und genau das macht ihre Geschichte so lehrreich: Im kriegsführenden Nazi-Deutschland konnte gewöhnliche Rede als Sabotage gewertet werden. 1943 schnappte die Falle nicht wegen eines schattenhaften Gestapo-Agenten zu. Sie schnappte wegen zweier Frauen zu, die nah genug waren, um sie im Alltag zu hören: ihre Vermieterin und eine Kundin ihres Schneiderateliers.
Lassen Sie uns, während sich der Blumenladen immer noch auf Ihrer rechten Seite befindet, ein Stück geradeaus weitergehen und die Seitenstraßen vor Ihnen überqueren, wenn dies sicher möglich ist.
Die eine war in ihrem Laden gewesen – jenes intime Ritual der Anproben, Nadeln im Mund, Stoffe, die in Form gezogen werden; die andere lebte nur eine Tür weiter – jemand mit Schlüsseln, mit räumlicher Nähe und dem flüchtigen Wissen über das Kommen und Gehen im Alltag. Beiden gegenüber ließ Elfriede das durchblicken, was so viele dachten, aber zu verschweigen gelernt hatten: Sie glaubte nicht an den „Endsieg“. Sie sah die Soldaten als Schlachtvieh, das an die Front geschickt wurde. Sie verfluchte Hitler und sagte sogar, sie würde ihn töten.
Und das ist der grauenhafte Teil: Es war keine Rede an einer Straßenecke. Es war ein Satz in einem Zimmer, gesagt zu Menschen, die lächelten, nickten, nach Hause gingen und ihre Worte dann in eine Akte verwandelten. Im Spätsommer 1943 schlug der Staat aufgrund dieser zwei Denunziationen zu. Im Fall von Elfriede war die Grausamkeit nicht nur politisch, sondern auch strategisch: Ihr Nachname, ihre Verbindung zu Remarque, machte sie nützlich. Wenn man den Bruder nicht fassen konnte, dann eben die Schwester.
Am 16. Dezember 1943 wurde Elfriede Scholz in Berlin-Plötzensee mit dem Fallbeil hingerichtet.
Gehen Sie weiter. Sie werden bald wieder von mir hören.