TX001 · Fußnote 06 · Routeneintrag 5 von 26
Kommune I
Kommune I verwandelt Alltag in Performance: Dérive, Détournement, Pudding-Attentat – und Dieter Kunzelmanns Weg in den Extremismus.
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Worte, die die Route trägt
Deutsche Textfassung
Halten Sie sich rechts und gehen Sie den Stuttgarter Platz entlang.
Nachdem Sie abgebogen sind, bleiben Sie einen Moment am Gebäude auf der rechten Seite stehen.
Das Gebäude rechts von euch war die Geburtsstätte der Kommune I, West-Berlins erster politischer Wohngemeinschaft. Sie waren Teil einer viel größeren westdeutschen Rebellion gegen das Schweigen ihrer Eltern und das unbewältigte Erbe des Nationalsozialismus.
„Wenn es der Wahrheitsfindung dient“ – dieser Satz wurde zum Schlachtruf für jeden politischen Spaßvogel mit Gewissen.
Ihr Rädelsführer war Dieter Kunzelmann, ein schelmischer Visionär, der die frühen 60er Jahre in München bei einer Künstlergruppe namens „Spur“ verbracht hatte. Dieser Kreis hatte sich kurzzeitig Guy Debord und der Situationistischen Internationale angeschlossen – einem Netzwerk europäischer Radikaler, die glaubten, dass das moderne Leben zu einem „Spektakel“ geworden sei; ein riesiges Theater, in dem wir nicht mehr direkt leben, sondern uns nur noch dabei zusehen, wie wir uns verkaufen lassen.
Die Situationisten wollten dieses Spektakel sabotieren. Sie streiften auf ziellosen Streifzügen durch die Städte, die sie „Dérive“ nannten, und ließen Stimmung und Zufall an die Stelle der Vernunft treten. Sie nahmen Werbeanzeigen, Plakate und Comics und verdrehten deren Bedeutung – eine Taktik namens „Détournement“. Es war nicht nur Kunst, es war radikales Spiel – ein Versuch, die Fantasie vom Kommerz zurückzuerobern.
Gehen wir weiter, während ich Ihnen mehr erzähle.
Als Kunzelmann 1967 nach Berlin zog, brachte er diesen Spirit in die Kommune I ein. In einer Wohnung genau hier am Stuttgarter Platz, zusammen mit Fritz Teufel, Rainer Langhans und später der Ikone Uschi Obermaier, verwandelte die K1 das tägliche Leben in eine Performance: Fake-Pressekonferenzen, nackte Manifeste und ein berüchtigter Coup – das sogenannte „Pudding-Attentat“, ein versuchter Anschlag auf US-Vizepräsident Humphrey mit Tüten voller Pudding und Mehl.
Ihre Eskapaden mischten Absurdismus mit echter Politik. Doch der Rückblick fällt nicht immer milde aus. Kunzelmann selbst glitt weiter in den Extremismus ab, schloss sich der militanten Gruppe Tupamaros West-Berlin an, saß im Gefängnis und tauchte in den 80ern als Provokateur für die frühen Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus wieder auf. Er starb 2018 als selbstinszenierter Bösewicht des Nachkriegsberlins.