TX001 · Fußnote 02 · Routeneintrag 2 von 26
Nabokovs Stadtführer Berlin
Am Stuttgarter Platz wartet Wladimir Nabokov im Winter 1925 auf seinen Verleger – und entwirft dabei eine Erinnerung für das 21. Jahrhundert.
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Worte, die die Route trägt
Deutsche Textfassung
Hier sind wir am Stuttgarterplatz vor dem S-Bahnhof Charlottenburg.
Halten Sie hier einen Moment inne.
Stellen wir uns diesen Ort vor etwa hundert Jahren vor, im Winter 1925. Wladimir Nabokov, der damals unter dem Pseudonym W. Sirin schrieb, sitzt in einem Café in der Nähe und wartet auf den Besuch bei seinem Verleger. Er ist gerade von seiner Wohnung in Wilmersdorf, einen Kilometer südlich von hier, hergelaufen. Nabokov selbst war nie ein großer Fan von Berlin; später sollte er die Stadt als eine Art „Haftstrafe“ bezeichnen. Dennoch lebte er hier von 1922 bis 1937, nachdem sein Vater während einer eskalierten politischen Versammlung von Emigranten erschossen worden war. Die Kugel des Attentäters war gar nicht für ihn bestimmt: Er war dazwischengegangen, um einen anderen Mann zu schützen, und bezahlte dafür mit seinem Leben. Der junge Nabokov blieb, um sich um seine verwitwete Mutter zu kümmern, zu übersetzen, Tennisstunden zu geben und sich durch seinen Schmerz hindurchzuschreiben. Er arbeitete sogar als Komparse in Filmen dieser Zeit.
Okay, ich zeige Ihnen, wohin wir gehen.
Schauen Sie mit dem Rücken zum russischen Lebensmittelhändler auf die andere Straßenseite, leicht nach links.
Sehen Sie das Eckgebäude mit dem „Alberts“-Schild im ersten Stock? Wir überqueren hier am Zebrastreifen die Straße und gehen dann auf das Schild zu.
Sobald Sie dort angekommen sind, biegen Sie rechts ab und gehen den Bürgersteig entlang.
Verstanden? Großartig. Gehen wir hinüber.
Zurück zu Nabokovs „Stadtführer Berlin“ von 1925:
„Die Pferdebahn ist verschwunden, und so wird auch die elektrische Straßenbahn verschwinden; und irgendein exzentrischer Berliner Schriftsteller des 21. Jahrhunderts, der unsere Zeit schildern will, wird in ein technikgeschichtliches Museum gehen und dort einen hundert Jahre alten Straßenbahnwagen ausfindig machen. Und in einem Museum für alte Kostüme wird er eine Schaffneruniform mit schwarzen, glänzenden Knöpfen ausgraben. Dann wird er nach Hause gehen und eine Beschreibung der Berliner Straßen in längst vergangenen Tagen zusammenstellen. Alles, jede Kleinigkeit, wird wertvoll sein. Das Unbedeutende. Die Tasche des Schaffners. Die Werbung über dem Fenster. Diese eigentümliche, ruckelnde Bewegung, die sich unsere Urenkel vielleicht nur noch vorstellen können – alles wird durch sein Alter geadelt und gerechtfertigt sein.“
Denken Sie daran, rechts abzubiegen, wenn Sie das Schild „Alberts“ erreichen.